Amelie Weinwurm

O.T.

O.T.

Stahlblech, Videoinstallation, Musikabspielgeräte/Kopfhörer, weiße Wände, Salz

Der Betrachter betritt den Raum und sieht eine Gruppe aus Stahlblech geschnittener
Skulpturen. Diese werden in ordentlich, militärischer Gliederung quer durch den Raum
marschierend so aufgehängt, daß sie „bis zu ihren Knöcheln im Boden stecken“. Die
Gruppe kommt aus einer weißen Wand und verschwindet in der rechtwinkelig
anschließenden Wand, wobei sie hier auf eine Videoprojektion zu gehen, die
Archivaufnahmen von Sibirien und der Landschaft um Stalingrad zeigt. Für Sekunden
wird das Bild eines Menschen, eines Soldaten eingeblendet.
Der Rest des Raums ist leer und weiß, die Fenster werden mit weißen Wänden abgehängt.
Am Boden ist flächendeckend Salz ausgestreut. An einigen Skulpturen werden Kopfhörer
angebracht über die man das Lied “Porträt des Patienten O.T.” von den Einstürzenden
Neubauten hören kann (welches auf Grund der Person Tschirtner komponiert wurde).
Diese laute Musik soll die sonstige Ruhe im Raum für einen selbst gewählten Moment des
Besuchers unterbrechen. Beim Eingang des Raumes wird es einen einführenden Text über
nähere Zusammenhänge und Bezüge zu diesen „Menschen“ geben. Der Text wird nicht zu
detailliert sein um genügend Freiraum für eigene Gedanken, und keinen dokumentarischen
Charakter entstehen zu lassen.

Die Skulpturen zitieren die Formensprache von Oswalt Tschirtner. Die in seinen Bildern
dargestellten Gruppengestalten interpretiere ich als „Menschen“ des Krieges. Die Bewegung
der gebeugten Gestalten gibt die Richtung in den Raum des unbegrenzten Gefühls. Der
Sinn dieser Menschen erfüllt sich erst im Betrachter, „der an diesem trauervollen Schreiten
empfindend Anteil zu nehmen, es verstanden zu deuten weiß. Die Vorstellung eines
unsichtbar bleibenden Gegners entwickelt damit die an den Beschauer gerichtete Zumutung
einer patriotischen Herzensbeteiligung, einer Parteinahme.“ In Schriftstücken über den
Rußlandfeldzug fallen immer wieder die markanten Beschreibungen des beschwerlichen
Marsches über schlammige oder verschneite Wege auf, bei denen die Menschen „bis zu
ihren Knöcheln im Boden stecken blieben“.

Der große Raum der Exnergasse wird durch den leeren unbegrenzten Hintergrund zur
unendlich scheinenden Weite. Gleichzeitig bildet er als geschlossener Raum eine Metapher
für die russische Landschaft als Gefängnis. Der „unbegrenzte Raum“ der verschneiten Ebene
ist Freiheit und zugleich Gefangenschaft.

Vier Menschen haben mich zu dieser Installation bewegt
Oswalt Tschirtner ist Künstler und Patient im Haus der Künstler in Gugging, aus seiner
Kriegsgefangenschaft in Sibirien kehrte er nervenkrank zurück. Mein Großvater, diente
als Soldat, als Chauffeur und Koch im Feld vor Stalingrad. Seine persönlichen Erfahrungen
fand er, durch Zufall, in einem Roman wiedergespiegelt, den sein damaliger Vorgesetzter
nach dem Krieg unter einem Pseudonym veröffentlicht hatte. Der Vater meines Mannes war
mit 19 an der Front vor Stalingrad und hielt seine Erfahrungen in einem geheimen Tagebuch
fest. Der Großvater von Matthias, diente ebenfalls als Chauffeur um Stalingrad, und ist
als Zeit bezeugender Mensch heute 94 Jahre alt.

O.T. steht für Oswalt Tschirtner, für anonyme Menschen wie die seiner Zeichnungen.
O.T. steht für Organisation Todt. Menschen der Organisation Todt werden im Tagebuch
erwähnt, es waren Einsatzkräfte die für Baumaßnahmen eingesetzt wurden und seit
Sommer 1941 auch einen umfangreichen Einsatz in der Sowjetunion hatten um dort die
verschlammten Wege zu befestigen.
O.T. steht für Ohne Titel